Sanders, Corbyn und die Finanzkrise

Simon Wren-Lewis darüber, wohin die Finanzkrise hätte führen sollen und was tatsächlich passiert ist, im englischen Original und deutscher Übersetzung (wenn jemand eine bessere Übersetzung von „centre left“ weiss als „Zentrumslinke“, bitte her damit, muss aber ein Substantiv sein, kein Adjektiv):

Ich erinnere mich in einer Sitzung gesagt zu haben, kurz nachdem das volle Ausmass der Finanzkrise bekannt wurde, dass jetzt immerhin die Sicht von denen, die eine extreme neoliberale Position (Märkte liegen immer richtig, der Staat steht dem Fortschritt nur im Weg) vertraten, nicht mehr länger ernst genommen wird. Damit lag ich komplett falsch. Aber auf eine Art glaube ich, dass die ‚überraschende‘ Stärke der radikalen Linken (womit ich die meine, die nicht zur etablierten Zentrumslinken gehören) in den USA, Grossbritannien und auch einigen europäischen Ländern reflektiert genau diesen Widerspruch.

Wir müssen nur die Position des Finanzsektors betrachten um diesen Widerspruch zu verstehen. Dieser Sektor war bei weitem der Hauptgrund für die grösste Rezession seit dem 2. Weltkrieg und trotzdem ist er jetzt grundsätzlich in der selben Position wie vor der Krise. Es gibt keine rein wirtschaftlichen Gründe, warum das so sein soll: Ökonomen wissen, dass es möglich wäre, fundamentale Änderungen im Finanzsektor durchzuführen, die die Chance einer weiteren Krise bedeutend reduzieren würde ohne hohe Kosten zu verursachen, aber solche Möglichkeiten sind einfach nicht auf der politischen Agenda. Admati und Helwig zum Beispiel haben überzeugend argumentiert, dass das Problem mit den Banken die sehr tiefen Kapitalanforderungen sind, die tatsächlichen Reformen waren aber marginal.

Der Grund dafür ist eindeutig: Der Finanzsektor hat politische Macht. Viele Zentrumslinken scheinen zu zaghaft oder zu unwissend um über diese Macht öffentlich zu reden und sind deshalb unwillig diese herauszufordern. Die politische Reche und ihre Medienmaschine helfen die an Politik und Ökonomie wenig Interessierten abzulenken, so dass sie glauben, ihre Probleme seien auf zu viele Migranten oder zu grosszügige Sozialleistungen zurückzuführen. Mitglieder oder Unterstützer politischer Parteien des linken Flügels neigen dazu besser zu verstehen, was vor sich geht. Einfach ausgedrückt, ein Sektor, der eine Menge Schaden angerichtet und uns alle viel gekostet hat, ist unversehrt davon gekommen, so dass er alles leicht noch einmal verursachen könnte.

Aber es ist viel schlimmer. Die Rechte hat die Finanzkrise erfolgreich in eine eingebildete Krise der Finanzierung von Staatsschulden (oder, in der Eurozone durch die Hilfe der EZB, in eine tatsächliche Krise) verwandelt, die einen Abbau der Staatsausgaben erforderte, von dem Neoliberale träumen. Die Finanzkrise, alles andere als die neoliberalen Fehler aufzudecken, hat zum neoliberalen Triumph geführt. Mit dieser aussergewöhnlichen Wende der Ereignisse konfrontiert, möchten viele Zentrumslinke die Niederlage eingestehen und die Sparpolitik akzeptieren!

Das alles ist skandalös und solang die etablierten linken Leader das nicht begreifen, ist es nicht verwunderlich, dass sich Parteimitglieder und –unterstützer Politikern zuwenden, die es begreifen. Schlaumeier warnen jetzt davor, dass in vielen Fällen die radikale Linke die Natur des Problems nicht verstanden hat und einfach alte Slogans wiederholt. Und noch schlimmer, dass radikale Leader zu wählen der Linken die Chance an die Macht zu kommen verunmöglicht. Das klingt unweigerlich nur wie die Beschwichtigung vieler Zentrumslinken. Corbyn’s Sieg zeigt den Demokraten in den USA die Macht des Widerspruchs zwischen der globalen Finanzkrise und wo wir jetzt sind.

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